Irreführung

Irreführung

Da sitzt ein Mann auf seiner Veranda

Stechmücken schwirren um seine Ohren

Die schwüle Luft juckt an seinen Armen

Die alte Straße wird beleuchtet von einsamen Laternen

Das Licht flackert

Er streckt seine Flasche in die Höhe

lässt das müde Leuchten hindurch schimmern

Seine Flasche ist leer

Morgen muss er zur Arbeit

Hinter den Hügeln steigt Gejaule dem Himmel empor

Er guckt hoch und murmelt

Gott ist tot

Eine Wolke schiebt sich vor den Mond

Hüllt die Hügel in opake Ferne

Sein Auto ist nicht sichtbar auf der Vorfahrt im warmen Nachtnebel

Das halbe Steak auf dem Teller fängt an einen Geruch von sich zu geben

Seine Nasenhöhlen beben als ihn der ranzige Gestank erreicht

Knarzend, langsam erhebt er sich von seinem Schaukelstuhl

Im Haus hört er wie jemand herumläuft, nicht allein, doch auf der Veranda ist nur er

Er atmet Rauch ein und Stille aus

Das Glühen seiner Zigarette in diesem Chaos

landet im hohen Bogen auf der Erde, die apokalyptischen Reiter des Alltags stehen um ihn herum,

er hat soviel nachgedacht über all das hier, jetzt weiß er endgültig

cogito ergo krumm

denn den geraden Weg scheint es nicht zu geben,

Die Dunkelheit senkt sich langsam herab und lächelt verwegen,

Er findet die Kraft nicht um das Lächeln zu erwidern, die Tugend verpisst sich aus seinem Leben

Die Sterne verhalten sich heute ganz sonderbar.

Sie sind nicht sichtbar vielleicht werden sie von Wolken überdeckt.

Eine große Leere gafft er an

Nichts

Ein leises Nichts schleicht sich an ihn ran.

Zehrt und knabbert an seiner Seele

Iss, trink, vermähle dich und warte auf deinen Tod

all dein Handeln nichtig, egal ob falsch oder richtig

Er versinkt in diesem Tal voll Blut tiefer mit jedem Schritt

Dass hinter den Wolken der Mond und nach der Nacht der Tag wartet

kriegt er nicht mit

Araby

So gut wie alle enthusiastischen Leser sind schon einmal über den einen oder anderen Abschnitt gestolpert, der es schafft einen dermaßen zu ergreifen, dass man nicht anders kann, diesen wieder und wieder zu lesen.

Das Gefühl formvollendete Kunst in stinknormalen Sätzen zu entdecken, die die ganze Bandbreite der Gefühle beherbergen können, ist ein unverwechselbares Erlebnis.

Wenn ich mich in so einer Lage befinde, wundere ich mich über meine Unfähigkeit einfach weiter zu blättern.

Einfache Sätze und Wörter werden auf einmal zu Freunden, die mich so gut verstehen, dass ich mich noch ein wenig mit ihnen unterhalten möchte. Manchmal verwandelt sich eine vergilbte, alte Seite in ein sanft bepinseltes Ölgemälde das die düstere Stimmung eines Hinterhofes am Nachmittag in perfektem Maße widerspiegelt.

Die Erhabenheit der unschuldigen Liebe ist hier ein so hell leuchtendes Licht, das selbst den eigentlich widerspenstigen Elementen etwas von seiner Farbe leiht.

So sind die Feinde, die den Kelch bedrohen nobel, in der Hinsicht, dass sie den Wert des Kelches noch steigern.

James Joyce – „Araby“ aus „Dubliners“ (1914)

Her image accompanied me even in places the most hostile to romance. On Saturday evenings when my aunt went marketing I had to go to carry some of the parcels. We walked through the flaring streets, jostled by drunken men and bargaining women, amid the curses of labourers, the shrill litanies of shop-boys who stood on guard by the barrels of pigs’ cheeks, the nasal chanting of street-singers, who sang a come-all-you about O’Donovan Rossa, or a ballad about the troubles in our native land. These noises converged in a single sensation of life for me: I imagined that I bore my chalice safely through a throng of foes. Her name sprang to my lips at moments in strange prayers and praises which I myself did not understand. My eyes were often full of tears (I could not tell why) and at times a flood from my heart seemed to pour itself out into my bosom. I thought little of the future. I did not know whether I would ever speak to her or not or, if I spoke to her, how I could tell her of my confused adoration. But my body was like a harp and her words and gestures were like fingers running upon the wires.

Kleine Skizze

Gefüttert werden ist ein schönes Gefühl. Voller Anmut, voller Elan und Glanz. Sauber. Die Unerfahrenheit wie ein Schattenspender, schützt den kleinen Samen unter der Erde vor den Gefahren auf der Welt, aber hindert das Wachstum und die Nutznießung der warmen Sonne. Nach jedem Sturz weint er sich den Schmerz hinfort. Freude und Trauer durchdringen den Babyspeck in einer rasanten Wechselwirkung und die Unfähigkeit nachtragend zu sein, erfrischt das Herz und erleichtert den Verstand. Die Montage schmecken nach Orangensaft und der Kuss der Mutter nimmt alle Sorgen um die Einschulung am Tag danach.

Der Junge ist kein Kind mehr.

Das ist alles Männlichkeit; Streift durch die Straßen wie ein Tiger, jeder Blick tötet. Die Augen sind scharfe Messer, bereit zum erdolchen wenn es nötig ist, dank dem wendigen Hals gefährlich. Das Blut ist am kochen und sieden und die imposanten Muskeln sind alle angespannt. Er hat Herzen gebrochen, Gedichte geschrieben, Bäume gefällt und Menschen gerettet. Gesehen hat er nunmehr alles, findet er. Unschuld verloren in den kaputten Straßen der Jugend. Gekämpft hat er oft, Nasen gebrochen, Schläge kassiert. Nur wer prahlen kann genießt das Leben und das Überdecken des Leides wird zur Leidenschaft.

Nachts unter der kalten Decke des Mondlichtes schluchzt er und wischt sich am Morgen die Tränen der Einsamkeit. Unverständlich, die Einsamkeit wird verwandelt in ein Geheimnis. Trotz allem schrubbt die Mutter am Sonntag den Rücken des Jungen, welcher fühlt wie ein drückendes Gefühl in seiner Brust langsam seinen Kopf überfällt und ihn lähmt und seine Wangen rot färbt.

Der Mann ist kein Junge mehr.

Durch die Neigung zum Weg der Mitte genießt er die Vorzüge der Besonnenheit. Seine Narben versteckt er nicht, stellt nicht zur Schau, sodass der Schein dem Sein entspricht, weder das eine im Vordergrund noch das andere. Das sind keine Geschichten mehr, sondern lediglich Narben. Er ist erwachsen. Seine Schultern sind breit, die Verantwortung die einst schwer drückte ist jetzt nichts weiter als eine Sache des Alltags, ohne Reiz und des Geheimnisvollen entledigt. Verantwortungsbewusst ernährt er Menschen. Er muss, soll und wird, als Pfeiler einer Familie. Wenn er seinen Kopf nicht oben hält, können die Kinder nicht zu ihm hochschauen. Was ist Männlichkeit? Sein Erbe ist kein Gebilde aus Fleisch und Knochen. Müde darf er sein, will es nicht zeigen.

Wenn die Mutter ihre Arme öffnet, gibt er sich hin und weint.

Was ist Männlichkeit?

Der Greis ist kein Mann mehr.

Es ist schön gefüttert zu werden.

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Der Teich mit den Fröschen

Während sich die alte Erde so schnell bewegt, sich mit Lebensgeschwindigkeit dreht, legen die Menschen unlängst nur und ausschließlich auf wichtige Dinge wert. Auf wichtige Dinge wie zum Beispiel auf Termine und Fristen, Priorität und Effizienz. Das Augenmerk richtet sich auf eine Gottheit, die überall und allmächtig ist. Allmächtig  jedoch bezüglich dieses Wertesystems, Fetzen Papier, das freie Männer in Frösche verwandelt, wie in einem Märchen. Frösche, die quaken und sich aufblasen, die nur ihren Teich kennen und überfahren werden sobald sie versuchen die Straße zu überqueren. Welch Wunder der Menschen, die Kalender in der Hand, die ganzen Liter Kaffee schon den Schlund hinunter geflossen, das Koffein wie ein Urstrom zwischen Heil und Hass, die Sonnenbrille verdeckt die Sonne die da scheint.

Doch all das ist unwichtig, es gibt dennoch Helden. Keine falschen Gottheiten aus Kupfer und Glanz. An mancher Stelle gibt es Tugend, wahrhaftig und schön, sogar oft in Farbe, nur selten in Sepia oder Schwarz-Weiss. Während sich alles der Wichtigkeit nach sortiert gibt es manchmal Wettbewerbe ganz abseits in den Savannen und Laubwäldern, in denen es darum geht als Samen unter der Erde als erstes die Sonne zu sehen. Danach halte ich Ausschau, doch an den meisten Tagen ohne Erfolg.

Natürlich bin ich wieder zynisch, sagt mein Freund, Erbitterung sei meine Muttersprache, perfekt in Wort und Schrift, sagt er. Es sei alles halb so wild. Ich vertraue ihm und fühle, wie sich meine Wangen rot färben vor Scham.

Während ich hier auf dem Gras sitze und Gänseblümchen zerpflücke, fällt mein Blick ab und zu voller Missgunst auf den Froschteich, aus dem das tosende Gequake in meinen Ohren widerhallt. Sonst bin ich ganz und gar bei meinem besten Freund. Ein frohlockender Genießer, wie er da strahlt im Schneidersitz.

Die spitzen Grashalme berühren seine kitzeligen Fußsohlen und bringen seine Grübchen zum Glühen. Ich sehe wie er seinen Kopf genießerisch in den Nacken wirft. Er fragt mich mit geschlossenen Augen, ob ich denn die Frösche nicht endlich Frösche sein lassen könnte, und ob ich denn nicht aufhören könnte, den unschuldigen Tierchen die Metaphorik der Menschen der Stadt aufzuerzwingen, aus der wir beide jeden Sonntag fliehen.

Da ich nicht weiß was ich sagen soll, seufze ich und lege mich rücklings auf die warme Erde. Entspannen fällt mir gar nicht so leicht mit all den Gedanken, die in meinem Kopf umherschwirren. Ich frage ihn wie er das denn macht. An Nichts zu denken.

Der Kerl im Café

Auch wenn die Stühle noch nicht knarzen und die schwitzenden alten Männer ihre Karten auf den Tisch legen, gibt es bei uns immer einen Kerl, der da sitzt und sein Teeglas an seine Wange hält. Ich weiß nicht wie er heißt und Papa sagt auch andauernd, dass ich nicht so viel mit ihm reden soll. Seine rot unterlaufenen Augen sind glasig und seine knochigen Finger sehen aus wie kleine zerbrechliche Äste. Morgens um 10:30 oder manchmal auch viertel vor elf steht der Kerl vor der roten Holztür unseres Cafés. Bevor er eintritt und seine Kapuze abnimmt, hält er immer kurz inne, ich weiß es. Jedes Mal. Er bestreitet das, weil er befürchtet ich würde ihm vorwerfen er käme nur sehr ungern in unser Lokal, „dein Haus“ wie er zu sagen pflegt, eine völlig unbegründete Befürchtung wie ich finde.

Schließlich kann man wohl niemanden zwingen in dieses uralte Gebäude mit dreckigen Fenstern und knarzendem Holzboden zu kommen, demnach habe ich auch keinen Grund irgendjemandem irgendwelche Vorwürfe zu machen.

Obschon ich doch sagen muss, wenn er nicht jeden Morgen mit einer verblüffend zähen Regelmäßigkeit hier auftauchen würde, könnte ich nur halb so viele Gedankenspaziergänge unternehmen. Papa gefällt das gar nicht.

Wie soll ich denn anders, wenn ein Mann Mitte 40 filzhuttragend mit schlenderndem Gang jeden Tag seufzend grüßt und sich wie ein Nebel verabschiedet, sich scheinbar seiner Rigorosität in der Pünktlichkeit zum Trotz, aufs Geratewohl an irgendeinen unserer uralten Tische setzt und seinen dampfenden Schwarztee an seinen lichten Bart hält um sein blasses Leichengesicht zu erwärmen.
Was bleibt mir anderes übrig, als mal nach Macchu Picchu, mal nach Casablanca zu reisen, seinem trägen Schritt der Vergangenheit folgend, alle Möglichkeiten spazierend durchzugehen, nur um am Ende an eine Kreuzung zu gelangen, die unendlich viele Wege aufweist, vage Vermutungen, reine Fantasien ohne jeglichen Hang zu seiner Wirklichkeit, wenn er denn eine hat.

„Junge“, krächzt er und sein, für mich nach wie vor undefinierbarer Akzent, sein markantes Kinn, seine unglaublich harten Wangenknochen und diese zwei Narben an seiner Oberlippe lassen nicht zu, dass ich irgendetwas antworte.

Diese Narben!

Ich sehe wie er vor einem Jahr überfallen wird, ganz plötzlich und unerwartet nach einem Nachtspaziergang im September. Ein rückgratloser Dieb kommt aus irgendeinem Rattenloch gekrochen und bedroht ihn, nein, bedroht seine russische Frau mit einem halbstumpfen Messer. Es gibt eine kleine Auseinandersetzung und man hört die Krähen voller Schrecken empor und davonfliegen, aufgescheucht vom entsetzten Schrei seiner Frau, die Blut sieht und die Fassung verliert.

Ich sehe eine letzte Front im Bürgerkrieg in Spanien. Der Kommandant ist gefallen, ein unaufhörlicher Donner im Himmel treibt die traumatisierten Kriegsstuten zur Raserei. Der Geruch von Feuer und Zunder, der Geschmack von Asche und Ruß liegt in der Luft. Der Kerl, ein Soldat in den besten Jahren, knirscht mit den Zähnen, denn das Haus in dem er sich verstecken wollte liegt in Trümmern vor ihm. Staub in den Augen und Atemwegen, Schweiß und dreckiges Flusswasser an seiner zerfetzten Uniform machen ihn unfähig den Schmerz wahrzunehmen.

„…und vergiss das nicht!“ murmelt er leise.

Ich nicke und verschlucke die Frage danach wie er denn diese Narben erhalten hat. Angestrengt und voller Schuld wende ich mich vorsichtig ab, denn ich sehe wie der Fremde seinen Blick wieder in die Leere richtet und mich nach und nach kleiner, dann schließlich unsichtbar macht.

 

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